Zuchtziele

Zuchtziele für Heckrinder

(Satzungsbestandteil)

Auf Basis von Zusammenstellungen von Perrey (1997) und der ABU (1997) erarbeitete der Beirat des VFA, bestehend aus Frau Dr. Bunzel-Drüke, Herrn Frisch, Frau Messner, Frau Perrey, Herrn Reisinger, Herrn Schulte-Scherlebeck, Herrn Dr. Vent und Herrn Dr. Zipp, Zuchtziele und Vorschläge für Mindest- standards der Haltung der „rückgezüchteten Auerochsen“. Die aufgestellten Kriterien sollen dabei nicht im Rahmen einer Punktliste zu einer Bewertung führen und damit gegeneinander aufgerechnet werden. Folgende Zuchtziele für Heckrinder wurden auf der Mitgliederversammlung des VFA Ende des Jahres 2000 beschlossen (Tab. 1).

Tab. 1: Zuchtziele für Heckrinder

(Angaben verändert nach ABU (1997), basierend auf: Boessneck 1957, Bunzel-Drüke 1996, DegerbØl & Fredskild 1970, von den Driesch & Boessneck 1976, Herberstain 1557, Lehmann 1949, von Leithner 1927, Mertens 1906, Perrey 1997, Requate 1957, Spassov 1992, Teichert 1999, Uerpmann 1983 u.a. und verschiedene Höhlenzeichnungen)

 

Stiere Kühe
ausreichende Brusttiefe


Rückenlinie gerade oder leicht eingesenkt
lange trockene (“schlanke”) Beine
Morphologie gut ausgebildete Hinterhand ohne übermäßige Muskulatur (keine “Fleischrind-Proportionen”)
nur gering ausgebildete Halswamme (“Triel”) und Brustwamme
schwarze Schleimhäute
deutlicher Geschlechtsdimorphismus in Größe und Gewicht
ausgeprägte Nackenmuskulatur
Widerristhöhe ³ 160 cm Widerristhöhe ³ 140 cm
Gewicht ca. 900 kg Gewicht ca. 600 kg
kurzer Hodensack kleines Euter
langer Schädel, Stirn breiter als bei Kühen langer Schädel
dicke Hörner (Umfang desKnochenzapfens an der Basis27 – 42 cm; Mittel 34 cm) dünnere Hörner (Umfang desKnochenzapfens an der Basis18 – 28 cm; Mittel 23 cm)
Kopf und Hornlänge (Knochenzapfen + Hornscheide) 50 – 85 cm (Mittel 63 cm) Hornlänge (Knochenzapfen + Hornscheide) 38 – 59 cm (Mittel 42 cm)
Hörner Hörner nach vorn geschwungen, in der Längsachse nur wenig über die Horizontale erhoben, Spitzen einwärts und leicht aufwärts gerichtet Hörner ähnlich wie bei Stieren, jedoch Stellung offener, Hornspitzen einwärts und aufwärts gerichtet
größte Spannweite der Hörner70 – 114 cm (Mittel 84 cm) größte Spannweite der Hörner50 – 77 cm (Mittel 62 cm)
Hornfarbe: hell hornfarben mit dunkler Spitze
kleine Ohren
im Sommer kurz und glänzend, im Winter dichter und länger mit klar definierten Übergang von Sommer- auf Winterfell
Geschlechtsdimorphismus in der Farbe
Fell Farbe schwarz mit hellem Aalstrich, leicht brauner oder grauer Sattel möglich Farbe braun (rotbraun bis mittelbraun), selten schwarzbraun
weißes “Flotzmaul”, Ausdehnung und Helligkeit kann mit zunehmendem Alter zurückgehen
Kälber einfarbig braun, Umfärbung in das Erwachsenenkleidnach einigen Monaten


Mutterinstinkt voll ausgebildet
Verhalten soziale Einbindung in die Herdenstruktur mit wahrscheinlich getrennter
Rangordnung bei Stieren und Kühen; evtl. Revierbildung bei Stieren
Phänologie Brunft im Sommer, Geburten im Frühjahr

Die obigen Zuchtziele wurden vor allem an morphologischen Charakteristika ausgerichtet, die entweder auf sicheren Erkenntnissen beruhen oder funktionsmorphologisch rekonstruiert werden können. Das Gewicht wurde abgeleitet aus Angaben zu großrahmigen Rinderrassen aus Italien und Spanien (Giuliani 1961). Aufgrund der Variationsbreite der fossilen und subfossilen Skelettfunde von Auerochsen, die in Abhängigkeit vom geologischen Alter und der Fundregion stehen, wird in Anlehnung an Guintard (1999) die Auffassung vertreten, dass für einen Zuchtstandard der gewünschte Phänotyp zu definieren ist. Die Zuchtziele beziehen sich auf den postglazialen Bos primigenius des mitteleuropäischen Typs.

Ausschlusskriterien für die Heckrinderzucht

Weiterhin legte der VFA eine Liste von Merkmalen fest, die zu einem Ausschluss von Tieren von der Zucht führen sollten. Zu diesen Ausschlusskriterien (Negativliste) gehören (Tab. 2):

 

Tab. 2: Ausschlusskriterien für die Heckrinderzucht

Klauenpflege notwendig
helle Schleimhäute*
weiße Flecken im Fell
einheitlich hellbraune/rötliche Fellfarbe bei männlichen Tierenganz schwarze Fellfarbe bei weiblichen Tieren
Missbildungen
Morphologie Mindestdurchmesser der Hornbasis ab dem 5. Jahrbei männlichen Tieren < 8 cm

bei weiblichen Tieren < 5 cm Widerristhöhe ab dem 5. Jahrbei männlichen Tieren 1,35 m

bei weiblichen Tieren 1,20 m Winkel zwischen Stirn und Hörnern bei männlichen Tieren > 120°, keine Abwinkelung nach vornReproduktion Geburtshilfe notwendig bzw. schwergebärend   VerhaltenBösartigkeit, d.h. extreme Aggressivität gegenüber Menschen und Herdentieren

 

 

* Das Auftreten von hellen Schleimhäuten im Bereich des Maules bzw. des Nasenspiegels bei Kälbern ist verbunden mit dem Ausbleiben der charakteristischen Umfärbung des im Jugendkleid rötlichen oder hellbraunen Felles in das geschlechtstypische Braun oder Schwarz der erwachsenen Tiere.

 

Mindeststandards für Haltungsbedingungen

Mit der Definition von Mindeststandards für die Haltung wird ein ungewöhnlicher Weg für einen Zuchtverband einer Rinderrasse beschritten. Grundüberlegung ist dabei, dass ein Zuchtstandard sich verbinden muss mit der Schaffung von Lebensumständen für die „rückgezüchteten“ Tiere, die den ökologischen Ansprüchen des wilden Urrindes entsprechen (Uerpmann 1999). Dies steht in direktem Zusammenhang mit dem Anspruch, ein Rind zu züchten, das dem ausgestorbenen Auerochsen in Aussehen und Verhalten ähnlich sein soll. Dabei ist die große Variabilität des Verhaltens zu berücksichtigen. Züchterische Selektion muss sich deshalb an dem Wissen über das Verhalten anderer wild lebender Boviden orientieren. Als tolerierbare Abweichung vom Urzustand könnte man in unserer raubtierfreien Landschaft eine Auslese zu Gunsten wenig aggressiver Tiere akzeptieren (Uerpmann 1999). Es muss aber verhindert werden, dass Ziele verfolgt werden, die zwar den Umgang mit dem Rind erleichtern, aber die biologische Fitness verringern (Perrey 1999). Nur mit einer Tierhaltung, die sich eindeutig von der konventionellen Fleischrinderzucht unterscheidet und sich in Richtung einer sehr extensiven Variante orientiert, läßt sich dieses Zuchtziel erreichen.

Darüber hinaus sichert eine naturnahe Haltungsform den Tieren ein Image, das mit dem “urtümlichen Aussehen” der Heckrinder korrespondiert. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass dies unmittelbar zu dem zukünftigen Wert sowohl der Zuchttiere als auch für die Fleischvermarktung beiträgt. Der Landwirt und Züchter hat damit gute Voraussetzungen, für die mit der Haltung verbundene ökologische Leistung in der Landschaftspflege eine angemessene Vergütung zu erhalten.

Es wurden folgende verbindlichen Haltungsbedingungen für alle im VFA organisierten Züchter festgelegt:

  • ganzjährige Freilandhaltung,
  • Schutz vor Witterungseinflüssen auf der Weidefläche (möglichst durch natürliche Strukturen wie Hecken oder Bäume, diese ermöglichen auch Fellpflege),
  • keine künstliche Besamung,
  • kein Embryotransfer,
  • maximale mittlere Besatzdichte von 1,0 Großvieheinheiten pro Hektar,
  • Mindestzahl der Tiere einer Herde für eine artgemäße Sozialstruktur: ein Stier und zwei Kühe,
  • keine Verwendung handaufgezogener Tiere für die Zucht.

Von den folgenden Regelungen ausgenommen sind nur Schaugehege und Zoologische Gärten:

  • keine Verwendung von Kraftfutter,
  • großflächige Standweide, die eine Herdenhaltung ermöglicht, von mindestens 3 Hektar, anzustreben sind mindestens 5 – 10 Hektar.